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Athletenbericht Challenge Roth, Sonntag, 17.06.2011.
5.30 Uhr, Heuberg, Rhein-Main-Donau-Kanal

Das Wasser ist nass! Ekelhaft nass und kalt! Ich bin wasserscheu und ich bedauere unsere Staffelschwimmerin Yvonne. In wenigen Stunden wird sie zusammen mit Chrissie Wellington, Andreas Raelert  und etwa 4500 Athleten aus aller Welt dieses Wasser aufwühlen. Hier, wo das Schwimmen das ganze Jahr über strengstens verboten ist, bleiben heute die Schiffe an den Leinen. Ein Fisch kommt nach oben, schnappt sich eine Wasserassel. Fischlein duck dich! Noch ist es ruhig, aber gleich wird es hier aussehen wie eine brodelnde Suppe. Neuntausend Arme werden dann auf dich und deine Kollegen einschlagen. Duck dich lieber, sonst gibt’s was auf die Mütze. Es war aber auch eine blödsinnige Idee, die Maui damals beim Hoffestfest von Manfred hatte! "Drei gegen Maui." Er gegen eine Staffel, und das auf der Langdistanz! Was Endorphine so alles bewirken! Nun steh ich hier am Rhein-Main-Donau-Kanal. Was der Apfelwein so alles bewirkt! Ich schaue nach oben, die lange Brücke ist übervoll mit Menschen und fast ebenso vielen Transparenten. Es muss Wahnsinn sein, nach der Wendeboje auf diese Kulisse hin zu schwimmen. Man sagt, dass die Athleten selbst unter Wasser den Lärm, den die Zuschauer hier am Ufer veranstalten, noch hören können. Ich gehe wieder nach oben, nehme Yvonne in den Arm, wünsche ihr viel Glück! Dann trennen sich unsere Wege - vorläufig, denn es ist Zeit, noch ein allerletztes Mal mein Rad zu checken.

6.00 Uhr, Wechselzone 1

Ich wühle mich durch die vielen Zuschauer, zeige am Eingang der Absperrungen mein Starterbändchen. Sie lassen mich hinein, und es ist ein erhabener Augenblick! Ich stehe auf geschichtsträchtigem Boden. Dort, wo das Herz des Triathlons schlägt! Über 180.000 Zuschauer werden heute an der Strecke stehen und uns anfeuern! Ich habe die erste Gänsehaut des Tages, die erste von vielen, die noch kommen werden. Das Kamerateam des Bayerischen Rundfunks filmt die Top Athleten bei ihren Vorbereitungen. Andreas Raelert und Chrissie Wellington, die sympathische Engländerin, die nie ihre Emotionen versteckt, werden gerade interviewt. Ich mache einige Fotos, verlasse dann den Bereich der härtesten Sportler der Welt, komme in die Zone der Staffeln. Über 600 Radfahrer, die sich dort noch ein letztes Mal mit ihren Schwimmern abstimmen. Läufer gibt es hier nicht. Sie warten später in Roth auf den Transponder, der irgendwann am Nachmittag via Bike dort eintreffen soll. Wenn es keine Probleme gibt. Aber an Sturz will hier niemand denken. Hier, wo man 10 Meter Abstand zum Vordermann halten muss, ist es längst nicht so gefährlich wie in den richtigen Radrennen. Aber der Pannenteufel kann immer unverhofft zuschlagen. Plötzlich ist Ruhe im großen Teilnehmerfeld. Die Nationalhymnen der Länder werden gespielt. Die Andacht und die Ehrfurcht vor dem, was gleich kommt, sie ist zum Greifen. Vor unserem TVG-Team liegen 3,8 km Schwimmen, 182 km Rad fahren und dann noch ein kompletter Marathon. Maui wird das alles alleine machen. Ein Wahnsinn, so ein harter Hund! Er hat uns sogar angekündigt, dass er versucht, schneller zu sein als wir!

9.55 Uhr, Staffelbereich

Das Rennen läuft schon über drei Stunden. Wir sind in der letzten Startgruppe. Yvi ist jetzt genau ein Stunde und 10 Minuten im Wasser. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie in 5 Minuten um die Ecke kommen. Mittlerweile kommen die ersten Schwimmer in die Wechselzone. Die Szenerie verändert sich zusehends. Das bunte Völkchen der Radfahrer mit ihren ebenso bunten Trikots, von denen die meisten von den Heldentaten ihrer Besitzer berichten, wird zusehends kleiner. Die Farben wechseln immer mehr ins schwarz-graue Neopren, und anstatt eines Heroen der Landstraße, sitzt da jetzt ein „Froschmann“ oder eine „Froschfrau“ auf dem gleichen Platz, schnappt erschöpft nach Luft. Mein Rad ist startklar, die Trinkflaschen gefüllt. 12 Portionen Gels habe ich an Bord. Hochkonzentrierte Flüssignahrung für schnelle Energiebereitstellung. Es wird warm, raus aus der Jacke und in Gedanken noch einmal die Strecke durchgehen. „Die Berge im Kopf, die Flachstücke in den Beinen“ so muss man hier fahren, sagen die Weltklasseathleten. Ich bin aber weder Weltklasse- noch Zeitfahrer. Aber jetzt nur keine schlechten Gedanken. Ich habe gut trainiert. Ich habe auch trainiert, lange in dieser verkrümmten Haltung windschnittig auf dem Lenker zu liegen! Habe mein Rad zigmal optimiert! Da kommt Yvonne um die Ecke. Zwei Minuten früher als erwartet und 25 Sekunden schneller als Maui. 1:0 für uns. Yvi, super gemacht!

10.00 Uhr, Radstrecke

Das Bike über die rote Zeitnahme-Matte schieben, bloß nicht vorher aufsteigen, sonst erfolgt unweigerlich die Disqualifikation. Dann der Griff zum Tacho und zur Uhr, dabei gleichzeitig aufs Rad aufspringen, einklicken, losfahren. Schon in der Ausfahrt aus der Wechselzone höre ich meinen Namen! Hoppla, unsere Fans sind hier, feuern mich an. Ich bin aber entsetzt, denn mein Tacho ist Mausetot und die Pulsuhr möchte von mir das Datum wissen! Ich drücke wahllos alle Knöpfe der Uhr, muss mich aber trotzdem auf die Strecke konzentrieren, denn es geht schon über den Kanal. Mit Tempo 50. „Die einzige ruppige Passage der gesamten Strecke“, wurden wir beim Briefing gewarnt! Unzählige ausgeklügelte Ernährungsstrategien in Form von fliegenden Trinkflaschen sollen hier schon sprichwörtlich den Bach hinuntergegangen sein. Meine hält, 12 Gels gerettet! Das mit dem Tacho ärgert mich schon. Extra noch einmal alle Batterien getauscht und jetzt! Verdammt, ich muss wissen wie schnell ich unterwegs bin, muss mir das Rennen richtig einteilen, und tatsächlich, mein Fluchen hilft. Beim nächsten Blick auf das Ding funktioniert es, zeigt sogar einen Schnitt von 42Km/h an. Geil! Wenn jetzt auch noch der Pulsmesser.., er geht auch! Puls 145, optimal! Jetzt entspannen, auf den Lenker legen und los. Das Rennen beginnt!

10.10 Uhr Eckersmühlen, Biermeile

Ich glaube es nicht! Das ist ja der Hammer: Durch das halbe Dorf zieht sich ein Band von Biertischen entlang der Gehsteige parallel zur Straße. Auf der einen Seite hocken die Leute vor ihren Gläsern, beobachten das Renngeschehen. Auf der anderen Seite fahren wir. Hautnah am Publikum. Ich komme mir vor wie bei Bohlen. Oder bei Heidi! Genau Heidi, und ich will heute ein Foto! Jetzt die Hand heraus und das Bier eines der Juroren wäre weg! Glück gehabt Leute, das Glas passt nicht in meinen Flaschenhalter. Aber ich bin schon unterwegs nach Wallesau ins nächste Ort, zur nächsten Party. Überhaupt ist die gesamte Strecke eine Sensation.

10.20 Heideck

Es ist der Kilometer 20, als ein Typ mit engem Top und knapper schwarzer Hose auf mich auffährt. „Faris“ ruft irgendwer und tatsächlich, es ist Faris al Sultan. Die lebende Triathlon- Legende. Er ist für die Staffel des Bayerischen Rundfunk unterwegs, im Schlepptau das Motorrad mit dem Kameramann. Ich fahre noch 2 bis 3 Kilometer mit, denke an Ingolf Lück, „Komm ich jetzt im Fernsehen?“ Aber es kommt nicht das Fernsehen, sondern der erste Berg des Tages. Selingstadt! Wer hier press hochfährt, wird das bitter bereuen. Faris scheint das nicht zu wissen, er fährt einfach weiter als ob da nichts wäre! Eine Radfahrerweisheit sagt: „Lass deinen Konkurrenten am Berg nur fahren. Wenn er besser ist, ist er weg, wenn er schlechter ist, kriegst du ihn eh wieder“. Ich habe Faris nicht mehr gesehen!  Dafür höre ich jetzt Musikfetzen von oben. Status Quo, Rocking all over the World. Here we go...! Der Berg ist vorbei und ich habe mich an meine Taktik gehalten. Gut so, jetzt wieder Gas, den Puls wieder auf 150 einpegeln und runter auf den Lenker. Die Party geht weiter.

12.00 Greding

Zwölf Uhr Mittags! Das Duell mit dem Kalvarienberg steht an. Aus der Linkskurve kommend den Schwung mitnehmen, auch wenn der Verkehrspolizist wie wild zum langsam fahren winkt! Wer hier bremst, verliert jede Menge Schwung im ersten steilen Teilstück. Direkt an der Kirche wieder laute Musik, keine Orgel, sondern schon wieder Rock-Party. Wer clever ist, folgt der Empfehlung aus dem Internet und zerlegt sich den Anstieg geistig in fünf Teilstücke. So hat man immer wieder ein Erfolgserlebnis. Wer dumm ist, sucht hier den Showdown im Zweikampf Mann gegen Mann - oder Frau - und verschießt seine Körner! Dann ab in die Serpentinenabfahrt. Dort sitzt der Fotograf schießt mit dem Teleobjektiv auf jeden Protagonisten in Abfahrthaltung. Später schaue ich mir das Bild im Internet an. Es ist richtig Klasse geworden und ich frage mich, wer hier den besseren Job gemacht hat. Der Fotograf oder ich?

12.30 Solarer Berg

Kurz vor Hiltpoltstein eine kleine, giftige Steigung, aus einem selbstgebauten Lautsprecher dröhnt Highway to Hell. Ein musikalischer Vorbote für das was gleich kommt? Niemand ist auf der Straße, das ganze Dorf scheint ausgestorben! Hier stimmt etwas nicht! Dann höre ich Musikfetzen, höre einen Lautsprecher, der irgendwelche Namen laut in die Welt hinaus ruft, sehe die Rechtskurve und dann ist alles klar! Solarer Berg! Hier stehen sie alle. Definitiv Alle! Ein einziger Berg voller Menschen. Zehntausend Leute, nach Angaben unseres Hauswirtes. Zunächst geht es durch den abgesperrten Bereich, dann führen diese wahnsinnigen Streckenplaner die Gitter trichterförmig mitten in die Menschenmenge hinein. Aber irgendwie wird im letzten Moment doch eine kleine Gasse frei, wir können ohne Behinderung nach oben. Doch die Gänsehaut hängt in dicken Klumpen am Körper, lässt sich einfach nicht abschütteln. Irgendwo dort oben muss Edith stehen. Mit dem Werkzeugkoffer für alle Fälle. Ersatzschläuche, Kettennieter, Schaltauge. Aber ich benötige das alles nicht. Mein Rad ist genauso OK wie meine Beine. Ich bin sogar 10 Minuten früher hier als es die Marschtabelle vorgibt. Dann ist die Kuppe erreicht. Edith, Gitte, Florian Klaus und Jürgen feuern mich an. Ich rufe „Wallstadt“! Zurück schallt ein lautes „Helau“. Dann ist Solar erreicht, es wird ruhiger.

12.45 Uhr Eckersmühlen, Runde zwei

Die zweite Runde. Wieder die Juroren, wieder die Biermeile, immer noch voll besetzte Tische. Die schnellen Leute aus den ersten Startgruppen biegen hier nach Roth ab. Ich habe das komplette Programm noch einmal vor mir und das bei mittlerweile fast 30 Grad. Am Kalvarienberg spüre ich eine erstes leichtes Zucken im linken Oberschenkel. Vorbote eines Krampfes? Dieses Alarmzeichen darf ich nicht ignorieren, also Tempo etwas heraus, Trittfrequenz dafür etwas höher, essen und trinken, was noch übrig ist und was ich noch irgendwo kriegen kann. Etwa dreißig Minuten später wieder der Solarer Berg. Zum Glück sind nicht mehr so viele Leute hier und ich kann das Tempo flach halten. Nur nicht absteigen müssen. Nicht hier, die Blamage wäre perfekt! Fünf oder sechs Mitstreiter fahren an mir vorbei. Oben die Verpflegung. Ein Junge ruft „Cola“! Meine Rettung! Ein Goldjunge! Den hat der Himmel geschickt! Nichts ist besser als Cola in der letzten Rennphase. Der hohe Zuckergehalt in Verbindung mit Koffein geht sofort ins Blut, macht neue Kräfte frei.

15.20 Uhr Wechselzone 2

Die letzten 30 Kilometer kann ich noch einmal richtig Gas geben, drücke noch einmal einen Schnitt von 39 Km/h. Ich weiß, dass zuhause viele Vereinskollegen an ihren Computern sitzen und den Rennverlauf live mit verfolgen. Meine Zeit müsste so um die 5:30 sein? Reicht das, um Maui zu schlagen? Es wird eng, aber der Tacho war ja eine Zeitlang ausgefallen. Die letzten Kilometer ins Ziel fahre ich noch einmal die sechs, die mich am Solarer überholt haben, auf, schiebe mich bis zum Ziel vorbei. Dort wartet Hilmar, unser Läufer. Besser gesagt, er sollte dort warten. Aber ich bin viel zu früh, er hat seine Schuhe noch gar nicht an! Dann die Übergabe des Transponders. Er gratuliert mir, und ich wünsche ihm viel Glück! Mein Wettkampf ist hier zu Ende. Schade eigentlich, ich habe mich gerade wieder gut gefühlt. Edith versucht, zuhause anzurufen und die neuesten Renndaten in Erfahrung zu bringen. Mauis Zeit ist längst bekannt, er war 90 Minuten vor uns gestartet, brauchte 5:20 Stunden. Meine Fahrzeit wird jetzt von Andi durchgesagt: Was? 5:18 Stunden! Unglaublich! Es steht 2:0. Maui ist geschlagen! Aber alleine die Vorstellung jetzt noch 42 Kilometer abzulaufen? Keine 10, ja nicht einmal 5!  Schluss, Ende, Feierabend, keinen Meter mehr! Respekt vor der Leistung des Kollegen! Nein was sage ich, es muss heißen gnadenloser Respekt!

17.50 Uhr Rot(h)er Teppich

Es schüttet jetzt aus allen Löchern. Das gemeldete schwere Gewitter ist angekommen. Ich stehe mit Yvonne am roten Teppich, der uns die letzten Meter ins Stadion führt. Derselbe Teppich, an dessen Ende vor wenigen Stunden Andreas Raelert und Chrissie Wellington die alten Weltrekorde geradezu pulverisiert haben. Hilmar, der Ersatz für Klaus und dann auch noch für Jürgen, biegt in wenigen Minuten in die Zielgerade ein. Die zuhause haben uns das per SMS mitgeteilt. Dann laufen wir gemeinsam über die Finishline, und die Uhr bleibt bei 10:11 Stunden stehen. Maui hatte 10:30 gebraucht. Ich ziehe meine persönliche Bilanz: Es war definitiv das Ausdauererlebnis meines Lebens! Das intensive Training, die vielen technischen Überlegungen fürs Bike und zur Ausrüstung. Die  Einträge im Blog. Das alles hat unheimlich Spaß gemacht! Ja wirklich, ich rede von SPAß! Es war keine Quälerei wie in meinen vielen Rennen zuvor. Nein, ich hatte an diesem Tag so viele Gänsehäute wie noch nie! Beim Einlass in den Athletenbereich, beim Abspielen der Nationalhymnen. In jedem Ort Party, an jeder Steigung laute Rockmusik. Überall Kinder, die dich alle abklatschen wollen. 182 Kilometer Gänsehaut, auf der man entlang fliegen kann! Danke Maui, dass du mich dorthin gebracht hast. Ich habe keine Sekunde bereut! Auch Yvonne und Hilmar sind hoch zufrieden. Das Duell „Drei gegen Maui“, wie es im Hoffest von Manfred einmal ausgerufen wurde, endet auf den ersten Blick deutlich mit 3:0 für die Staffel! Nach den Gesamtzeiten sind wir aber nur knapp an einer Blamage vorbeigeschrammt. Trotzdem, hier gibt es keine Verlierer! Erst viel, viel später, wird der letzte Läufer und die letzte Läuferin die Ziellinie überqueren. Sie werden dann von diesen verrückten, triathlonbegeisterten Menschen mit riesigem Beifall und dem obligatorischen Feuerwerk empfangen. Chrissie Wellington und Andreas Raelert werden ihnen höchst persönlich die Siegermedaillen umhängen. So ist das hier üblich in Roth, in dieser großen Triathlon-Familie. Große Emotionen, große Gefühle! Apropos Gefühle, mein schlimmster Moment des Rennens? Ganz klar, der Moment, als Yvonne mir dieses eklig nasse Transponderband um den rechten Fuß gewickelt hat!